Page 49 - 221119 Layout Agathe-Interviews-Einsparung-web-low-2
P. 49
AGATHE unterwegs in Erfurt
Manchmal bin ich traurig
Manfred Poppe musste mehrere Schicksalsschläge verkraften, auch finanzielle
steht es nicht gut. Seinen Lebensmut verliert er trotzdem nicht.
"Ein kleiner Teddy möcht’ ich sein, nicht größer als Manfred Poppe hält ein Foto in der Hand, das die
fünf Mark. Da könnt’ ich immer bei Dir sein, das beiden strahlend vor dem Hochzeitshaus zeigt.
wäre bärenstark." "In den letzten zehn Jahren war das mein schöns-
tes Erlebnis. Vierzig Leute waren da. Es gibt einen
Manfred Poppe blickt in die Ecke mit den vielen ganzen Film über unsere Hochzeit."
Stoffteddys: "Die habe ich gemeinsam mit meiner
Frau gesammelt", erzählt er lächelnd. An seinem Zu DDR-Zeiten arbeitet Manfred Poppe als Drucker.
Computer schreibt er Gedichte und Geschichten Nach der Wende fährt er LKW im Fernverkehr, hält
für Kinder, Teddygeschichten. Einen ganzen Ordner sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Dann eine
hat er davon. Veröffentlicht hat er sie nie. Mit Katze Umschulung zum Netzwerkadministrator, Ein-Eu-
Wusel lebt er in einer kleinen Neubau wohnung im ro-Jobs, Hartz IV.
Erfurter Norden. Mitten im Industriegebiet, im ein- Als er dann mit 63 vom Jobcenter in den Ruhestand
zigen Wohnhaus weit und breit. "Ich versuche aus geschickt wird, ist wenig Rente übrig: "Ich habe zu
meinem Leben noch was zu machen. Ich versuche DDR-Zeiten immer gut verdient und in die Zusatz-
das wirklich."
rente eingezahlt. Aber das wird nicht angerech-
Manfred Poppe streicht Wusel über den Kopf. Wusel net. So geht es wahrscheinlich vielen Leuten in
ist noch klein, seit zwei Tagen erst bei ihm. "Mir ging meinem Alter."
es ganz schlecht, ich habe Suizidgedanken gehabt. 645 Euro Rente bleiben ihm nun, dazu 150 Euro
Dann hat meine Schwester eingegriffen und ich Grundsicherung von der Stadt. Rentenerhöhungen
habe ein neues Kätzchen gekriegt." Zuvor war Wu- werden abgezogen. "Zum Leben zu wenig, zum
sels Vorgängerin gestorben, nach 22 Jahren. "Das Sterben zu viel", sagt Manfred Poppe resigniert.
war am Tag der deutschen Einheit. Der Pfarrer hat
dafür gesorgt, dass sie auf dem Kirchhof begraben "Frische Sachen kann ich mir gar nicht leisten. Ich
wird. Er hat selber das Loch ausgehoben und das lebe von Dosen aus dem Discounter." Zur Tafel will
Gebet gesprochen." er trotzdem nicht: "Um die Selbstachtung nicht zu
verlieren. Da kann ich nicht über meinen Schatten
Manfred Poppe ist Mitglied der evangelischen Kirch- springen und bleibe lieber hungrig, bevor ich das
gemeinde. Die Religion gibt ihm ein wenig Halt mache."
in schwierigen Zeiten. "Ich habe im Frühjahr mei-
ne Frau verloren. Sie ist nicht tot, aber sie lebt in Manfred Poppe lebt sparsam, bekam sogar einen
einem Heim für Menschen mit geistiger Be hinderung. Teil der Nebenkosten vom Vermieter erstattet. Die
Schizophrenie und Verfolgungswahn. Ein furchtba- hätte er nicht ausgeben dürfen, die Stadt verlangt
res Wort." Zehn Jahre waren sie da erst verheiratet. die Summe jetzt zurück.
49

